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Ich konnte es kaum abwarten, bis es endlich Abend war. Aber die Zeit verging langsamer als an Weihnachten. Stunde für Stunde schleppte ich mich durch den Nachmittagsunterricht, das was die Lehrer sagten, bekam ich gar nicht mit. Ich war um jede Minute froh, die um war. Natürlich musste auch gerade an diesem Tag mein Bus noch mehr Verspätung haben, als sowieso schon immer. Ganz hippelig und aufgeregt kam ich, wie es mir vorkam, nach hundert Jahren, zu Hause an. Dort fragte ich gleich, ob jemand für mich angerufen hätte, nein, also setzte ich mich vor das Telefon und wartete. Ich begann müde zu werden, doch das Telefon ließ ich keine Sekunde aus den Augen. Ich dachte an den Tag zurück. Bill war tatsächlich bei mir in der Schule aufgetaucht - Ich wartete jetzt schon nahezu sechs Stunden auf den Anruf. Nichts - Wie wir da saßen und uns ansahen. Über den Gedanken, was wohl alles noch passiert wäre, wenn Bill nicht hätte gehen müssen, schlief ich ein.
Als ich aufwachte war es stockdunkel in meinem Zimmer. Ich lag in meinem Bett und überlegte, ob das nur ein schöner Traum gewesen war, dass Bill bei mir in der Schule gewesen war. Ich fragte mich, was mich wohl geweckt hatte, aber ich wusste es nicht, Zeit zum aufstehen war es jedenfalls noch nicht. Ich sah auf mein Handy, eigentlich um auf die Uhr zu sehen, doch da sah ich, was mich geweckt hatte. Ich hatte eine neue Mitteilung. Sie war von Bill. Neugierig, was er wohl geschrieben hatte, öffnete ich die SMS und las: ‘Hey Süße. Tut mir leid, dass ich mich erst jetzt melde. Wir hatten leider bis eben noch einen Termin, den ich vergessen hatte. Sry, dein Bill *kiss* gute Nacht, träum was süßes!’ dann noch Datum und Uhrzeit: 3:48 Uhr. Überglücklich, dass Bill sich gemeldet hatte, schlief ich wieder ein.

Am nächsten Morgen war ich, trotz der nächtlichen Störng, so topfit wie noch nie, wenn ich in die Schule musste. Ich war voller Elan, arbeitete sogar im Unterricht mit, wenn ich nicht gerade zu Bill abschweifte.
Das ließ in den nächsten Tagen aber leider wieder nach. Ich bevorzugte es im Unterricht lieber die süßen SMS von Bill zu beantworten, doch trotz dessen fühlte ich mich leer. Ich vermisste es, Bill nahe sein zu können, aber das ließ sich nun mal nicht machen. Ich musste mich damit abfinden.

Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, dass Bill und ich uns das letzte Mal, in meiner Schule, gesehen hatten. Ich will und kann ja wirklich nicht behaupten, dass ich ihn nicht gesehen hätte, aber eben immer nur auf dem Bildschirm. In Wirklichkeit waren es jedoch nur zwei Wochen gewesen. Ich kam gerade von der Schule, dem letzten Schultag vor den Ferien, heim. Ich fühlte mich befreit, trotz dem Gefühls der leere. Bill hatte sich seither mindestens einmal täglich gemeldet, doch das reichte nicht, meine Sehnsucht zu schwächen.
Ich war gerade mal wieder in einen meiner Tagträume versunken, als es an der Haustüre klingelte. Ich bemühte mich gar nicht erst aufzustehen, es würde ja sowieso nicht für mich sein. Und so war es auch, die Stimme, die sprach, kannte ich nicht. Da ich sowieso aus meinem schönen Traum gerissen war, hörte ich der Unterhaltung mit halbem Ohr zu. Der fremde Besucher fragte erst mal, ob er hier richtig sei. Das war er. Er fragte weiter: "Wohnt hier eine gewisse Ann?" Mein Vater beantwortete die Frage nicht, er wollte zuerst wissen, wer das wissen wollte. Doch ich war stutzig geworden. Es gab nur sehr wenige, die mich mit diesem Namen kannten und so nannten, um genau zu sein nur vier. Ich hörte eine zweite Stimme von der Haustüre, die mir um einiges bekannter vorkam. "Ja, wir sind hier richtig, wir müssen es einfach sein. Ich glaub, ich erkenn seine Stimme wieder. Guten Tag, mein Name ist Bill Kaulitz, wir haben vor knapp drei Wochen miteinander telefoniert." Mein Vater antwortete ‘"Wirklich? Ach ja ich erinnere mich. Was willst du? Meine Tochter hat ihr Handy doch wieder. Und woher hast du unsere Adresse?"
Ich war inzwischen fast an der Haustüre angekommen. Da war ein Mann, den ich schon ab und zu neben Tokio Hotel im Fernsehen hatte stehen sehen und neben ihm, seine Hand immer noch meinem Vater zugestreckt, war Bill. Ich quietschte auf und rannte den restlichen Weg zur Türe. Bill sah mich, quetschte sich an meinem Vater vorbei und kam mir entgegen. Wir umarmten uns stürmisch. "Ich hab dich so vermisst!" sagten wir gleichzeitig, dann küssten wir uns leidenschaftlich. Es war zu schön um wahr zu sein, er war da, wir hatten uns wieder.
Mein Vater, baff von meiner stürmischen Begrüßung für den Fremden, sah aus, als wolle er etwas sage, doch es hatte ihm wohl die Sprache verschlagen. Meine Mutter, von dem Lärm an der Haustüre angelockt, starrte mich völlig entgeistert an. Als sie sich soweit wieder gefangen hatte, bat sie den fremden Mann doch auch einzutreten. Der winkte kurz hinter sich und schon erschien die restliche Band. Wir setzten uns alle zusammen an den Esstisch, wobei meine Schwester es vorzog so weit wie möglich entfernt von der Band zu sitzen. Meine Mutter, voll in ihrem Element, holte alles raus, was unser Vorratsschrank zu bieten hatte und lud es auf den Tisch. Neugierig über den Grund ihres Auftauchens, stellte ich diese Frage in die Runde. Bill grinste mich fröhlich an, doch der Mann übernahm das Wort. Er sei der Manager oder auch Produzent der Band, stellte er sich vor, und er sei hier, weil er Anfragen wollte, ob die Ursache, wegen der Bill schon seit drei Wochen unkonzentriert sei, die Band in den Ferien wohl begleiten könne?
Danach herrschte Grabesstille an dem sonst so belebten Tisch. Meine Mutter war in einem Zwiespalt, sich entweder für ihre Tochter zu freuen, oder aber es für viel zu gefährlich zu halten. Mein Vater war hochrot angelaufen vor Zorn, dass jemand es wagen konnte, solch eine Frage unter seinem Dach auszusprechen. Auch meine Schwester war sich wohl nicht ganz sicher ob sie sich darüber freuen sollte, mich zwei Wochen los zu sein, oder es doch für schrecklich peinlich zu halten, dass jemand eventuel herausfinden könnte, dass ihre Schwester an der Seite gerade dieser Band unterwegs war. Tom, Gustav und Georg feixten sich zu, während Bill und der Manager erwartungsvoll von meinem Vater zu meiner Mutter und schließlich zu mir sahen, die ich mich wie eine verrückte an der Tischkante festklammerte, um nicht gleich neben dem Stuhl auf dem Boden zu liegen. Ich hatte mich ja gerade etwas gefasst, dass Bill bei mir zu Hause war, als auch schon der nächste Schocker kam, die Einladung sie bei ihrer Tour zu begleiten. Ich sah zu meinen Eltern, aber eigentlich war mir die Antwort egal. Ich würde Bill begleiten, egal wie ihre Antwort lautete.
"Geht mal eben nach draußen. Mutter und ich müssen alleine mit diesem Herrn hier reden" hörte ich meinen Vater sagen und schon hatte Bill mich zur Haustür rausgezogen, die anderen drei hinterher. Dann würde ich ihnen halt in Zwischenzeit die ‘Stadt’ zeigen.

Etwas Interessantes zu zeigen gibt es ja hier wirklich nicht, also spazierten wir nur so in der Gegend rum, Bill und ich und in einigem gut gemeinten Abstand hinterher Gustav, Georg und Tom.
Als wir wieder zurück waren, schien die Diskussion immer noch nicht vorbei zu sein, geschweige denn ein Ende in Sicht, aber meine Mutter schien genervt und so sagte sie zu mir: "Aber sei vorsichtig!" Es brauchte eine Weile bis ich verstanden hatte, was sie da eben gesagt hatte. Bill aber hatte mich schon umarmt und so langsam realisierte ich es auch. Ich machte mich von ihm los und umarmte meine Mutter, während mein Vater sie fassungslos anstarrte.
"Ich bin dann mal in meinem Zimmer und pack", rief ich ihnen auf dem Weg zu meinem Zimmer zu, Bill mir hinterher. Dort fielen wir erstmal glücklich auf mein Bett, doch die wütende Stimme meines Vaters scheuchte sofort wieder jedes Glücksgefühl aus mir heraus. Er würde es ganz bestimmt doch verbieten, da war ich mir sicher. Doch meine Mutter setzte Kontra, sagte, es wäre gut für mich, wenn ich mitgehen würde, nicht zu Hause sitz und sie würde mir vertrauen und damit war das Thema beendet. Ich durfte mit auf Tour.

Die Band hatte es jetzt ziemlich eilig, so dass ich meinen Koffer sehr schnell packen musste und ich mir sicher war, die Hälfte zu vergessen zu haben. Und so war es dann auch. Im Tourbus, fünf Kilometer von zu Hause weg, fiel mir schon das erste ein. Bill aber versprach, mir alles nach zu kaufen, das fehlte. Ich gab ihm einen dankbaren Kuss, was Tom veranlasste sich umzudrehen und zu fragen ob wir jetzt eigentlich so richtig zusammen wären. Bill und ich sahen uns tief in die Augen und nickten uns zu, die Antwort war klar.