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Bis jetzt hatte ich mich immer gefreut nach einem langen Ausflug wieder nach Hause zu kommen, doch dieses Mal konnte man das nicht sagen. Ich hatte immer noch das letzte Gespräch mit meinem Vater im Kopf, immer wieder hörte ich seine Worte, je näher der Zug meiner Heimat kam. Ich fragte mich, ob sie mich überhaupt abholen kämen. Ich hatte Glück, nach einem einfachen Hallo anstatt einer herzlichen Umarmung, stieg ich ins Auto und wir fuhren nach Hause. Eins war mir klar: Ich war für mich und auch für meine Eltern nicht mehr die, die vor einer Woche nach Berlin gefahren war.
Den freien Tag, bevor die Schule wieder anfing, war grauenvoll. Meine Eltern fragten mich zwar, wie es sonst noch so gewesen war, aber der Frage fehlte jegliches Interesse. Konnten sie diese Bilder, die mir, wie ich ihnen versicherte, wahrscheinlich noch peinlicher und unangenehmer waren, als ihnen, nicht vergessen? Das entsprach vielleicht nicht ganz der Wahrheit, aber das mussten sie ja nicht wissen. Sie sagten, dass es für sie eben komisch sei, gefragt zu werden, ob das auf den Fotos nicht ihre Tochter sei, oder überhaupt zu wissen, dass jemand aus ihrer Familie in einem solchen Blatt erschien. Doch sie wollten versuchen es zu vergessen und zu einem normalen Umgang zurückzukehren. Das war mir eigentlich aber auch ziemlich egal. Ich verschanzte mich in meinem Zimmer und versuchte mich irgendwie von Bill abzulenken, was im Zimmer eines Tokio Hotel-Fans aber sehr schwer ist. Trotzdem wollte ich mich nicht von der beachtlichen Bilder- und Postersammlung.
Als ich am nächsten Morgen in die Schule kam, wurde mir sofort klar, dass die Bilder auch hier die Runde gemacht haben mussten. Ich versuchte das zu ignorieren und einfach nur den Tag hinter mich zu bringen, doch das wollte mir absolut nicht gelingen, da ich immer wieder darauf angesprochen wurde. Gegen Ende des Tages war ich schon fast soweit mir ein Schild umzuhängen: Ja, ich bin Tokio Hotel Fan! Ja, ich bin das auf den Fotos! Ja, ich habe eine Nacht BEI Bill verbracht!
Auch der nächste Tag lief nicht viel besser, doch die Idee mit dem Schild hatte ich schließlich doch wieder verworfen. In der Mittagspause, ich war gerade im Arbeitsraum, in dem ich zu lernen versuchte, hörte ich plötzlich Ausrufe der Überraschung, kreischen und auch Buh-Rufe aus der Aula. Neugierig, was da wohl wieder los war, blickte ich aus dem Fenster bei meinem Platz. Doch mein Kopf war augenblicklich wieder zurück über meinen Aufgaben. Das durfte doch wohl nicht wahr sein…

Vorsichtig linste ich über den Fenstersims. Es war wahr. Aber was wollte er hier? Und wie hatte er mich gefunden?
Ja,er war da. Ich konnte sehen, dass er sich mit meiner besten Freundin unterhielt. Über was reden die dennbitte? fragte ich mich. Ich bekam noch im selben Augenblick die Antwort, als sie in meine Richtung zeigte. Schnell zog ich wieder den Kopf ein, hoffentlich hatte, sie mich nicht gesehen. Ich packte schnell meine Sachen zusammen und wollte gerade gehen, als ich gegen jemanden stieß … gegen ihn. Bill. In meiner Schule. Jetzt konnte ich nicht mehr einfach verschwinden. Also stellte ich meine Sachen wieder an den Tisch und setzte mich, Bill sich mir gegenüber auf den anderen Stuhl. Er öffnete den Mund um etwas zu sagen, aber es kam kein Ton über seine Lippen. Also griff er nach meinen Händen und hielt sie.
Als ich mich von dem ersten Schock über sein plötzliches auftauchen hier erholt hatte, und realisierte, wie wir hier dasaßen, stand ich auf und führte Bill nach draußen, weg von den ganzen Schaulustigen, die sich versammelt hatten. Ich brachte ihn an einen meiner Lieblingsplätze im Sommer, hinter dem Musikanbau, auf den Stufen im Halbschatten.
Wir setzten uns und sahen uns an. Keiner sagte ein Wort. Aber das brauchten wir auch nicht. Ich wusste, dass es ihm in der letzten Woche genauso ergangen war, wie mir und es störte uns auch nicht das Bilder von uns durch die Presse gegangen waren, aber in seiner Nähe störte mich sowieso nichts.
Ich weiß nicht, wie lange wir da gesessen hatten, aneinander gelehnt und in den sanften Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach fielen. Ich hatte das Gefühl noch nie so glücklich gewesen zu sein.
Plötzlich klingelte Bills Handy. Er ging ran und sein Gesicht verdunkelte sich augenblicklich. Er legte auf, sah mir tief in die Augen und wusste bescheid. Er musste gehen. Ich schlug die Augen nieder und erhob mich, um ihn wenigstens noch zum Tourbus zu bringen. Er versprach mir, mich am Abend ganz sicher anzurufen, dann verabschiedeten wir uns in einer langen, intensiven Umarmung. "Bis heute Abend" sagte ich und warf ihm eine Kusshand zu.
Langsam ging ich zur Schule zurück. Ich war wieder ganz die Alte, bis auf eine Ausnahme: Ich war bis über beide Ohren verliebt!

Als ich zum Tisch meiner Freunde zurück kam, musste ich wohl gestrahlt haben, denn sie fragten gleich: "Na dann muss es ja gut gelaufen sein, was?" Ich nickte überglücklich.
Aber eine unbeantwortete Frage hatte ich immer noch. Ich setzte mich in die Runde und schweifte gedankenverloren ab. Ich suchte nach einer Antwort. Es musst ja eine geben. Aber welche? "Woher wusste Bill wo er mich finden kann?"
Die letzte Frage musste ich wohl laut ausgesprochen haben, denn das Gespräch am Tisch verstummte und alle sahen mich an. Schließlich sagte meine beste Freundin: "Ich habe es ihm gesagt!" "Aber wie?" kam meine verdutzte Antwort. “Naja”, sagte sie. "Du hast in den letzten Tagen in Berlin so niedergeschlagen ausgesehen, ich habe mir Sorgen gemacht. Du warst ein einziger Trauerkloß und hast aber nichts von dem erzählt, was eigentlich passiert war. Also habe ich, in der letzten Nach in Berlin, als du endlich mal eingeschlafen warst, dein Handy genommen und mir deine SMS durchgelesen. Ich hab die von Bill gefunden, sie gelesen und mir war sofort klar, das sein letzter Satz genau deinen Gefühlen entsprechen musste, sonst wärst du ja nicht so verändert. Ich hab mir also Bills Nummer rausgeschrieben und als ich wieder zu Hause war, habe ich ihn angerufen und ihm die Situation erklärt, so wie ich sie sehe. Ich bat ihn mir zu erzählen, was eigentlich genau in Berlin geschehen war, da du kein Wort darüber verlieren würdest, also erzählte er mir die ganze Geschichte. Schließlich fragte ich ihn noch, ob er eine Möglichkeit sehe, mit dir in Kontakt zu treten. Aber er sagte mir, dass du wahrscheinlich auf keine Anrufe beziehungsweise SMS reagieren würdest, also fragte ich ihn, ob es möglich wäre, dass er dich besuchen käme. Da erfuhr ich, dass er nicht mal wusste, wo du wohnst. Glücklicherweise hatte die Band aber heute einen Termin im Süden, weswegen sie hier vorbeikommen konnten. Ich habe ihm erklärt wie er herkommt. Dann habe ich ihn in der Aula abgefangen, ihm gesagt wo du bist und den Rest musst du selber wissen.’
Strahlend fiel ich ihr um den Hals: "Danke, danke, danke, danke, danke…" Ich konnte es gar nicht oft genug sagen. Sie war einfach die Beste! Dann bat ich sie mir die Geschichte aus Bills Sicht zu erzählen, was sie nach einigem zögern auch tat.

Bill hatte dieses Mädchen am Nachbartisch im Club schon vor seinem Bruder gesehen, sich aber nicht getraut sie anzusprechen. Als er dann sah, wie Tom sie aufforderte und sie tanzen sah, wünschte er sich nichts mehr, als an der Stelle seines Bruders zu sein. Als die beiden dann an den Tisch der Band kamen und er ihre Augen sah, die heller waren als alle Sterne des Himmels, vergaß er alles um sich herum. Doch dann hatte er was im Auge und er musste blinzeln, der Augenkontakt der beiden war augenblicklich gebrochen. Es freute ihn doch sehr, dass sich das Mädchen zu ihnen an den Tisch setzte, sogar neben ihn, auch wenn an der anderen Seite Tom saß. Als der Aufpasser kam und sie mit den anderen Mädchen wegziehen wollte, die ihm übrigens sehr unangenehm gewesen waren, wusste er, dass es an der Zeit war ein Machtwort zu sprechen und er meinte ein erfreutes Blitzen in ihren Augen zu sehen. Als sie die zwei dann auf die Tanzfläche zog, war er sehr froh, als sein Bruder sich auch bald anderweitig orientierte. Hatte er etwas bemerkt? Nach dem ruhigeren Song, bei dem er froh war, dass sie die Initiative ergriffen hatte, gingen sie an den Platz zurück, wo sie bemerkte, dass ihre Freunde weg waren und dass sie sich nicht an den Heimweg erinnern konnte. Für ihn klar, dass er sie einladen musste und über die Antwort von ihr war er noch glücklicher. Er bot ihr an in seinem Bett zu schlafen, er könne die Couch nehmen, worauf hin sie keck antwortete im Bett sei doch Platz genug für zwei. Das Angebot konnte er nicht ausschlagen. Leider war sie aber auf der Stelle eingeschlafen, er hätte nichts dagegen gehabt, wenn noch etwas mehr passiert wäre. Am nächsten Morgen, als er bemerkte, dass er nicht alleine war und ihm alles wieder eingefallen war, stand er auf um Frühstück zu machen. Er brachte ein Tablett zu ihr an das Bett und sie wachte irritiert auf. Er lächelt sie an, und als sie ihn erkannt hatte, lächelte sie zurück. Als er ihr sagte, wie spät es sei, sprang sie erschrocken aus dem Bett und war auch schon weg. Aber sie hatte ihr Handy liegen lassen. Er ging ihr hinterher, doch sie war schon zu weit weg um ihn zu hören. Er rief einige ihrer Nummer an, aber niemand wusste, wo sie zu finden sei. Schließlich, nach einem langen Tag des Wartens, klingelte das Handy und sie war dran. Sie machten einen Treffpunkt aus. Er konnte es nicht erwarten sie wieder zu sehen. Er spannte den Rest der Band ein, ihm zu helfen. Kurz vor dem Treffen geschah dann aber etwas, das er gar nicht vorhersehen hatte können. Sie waren in die Schlagzeilen geraten. Das hatte er wirklich nicht gewollt. Als er sie dann sah, wusste er nicht, wie er reagieren sollte, denn sie drehte ihm den Rücken zu. Was er dann aber tat, schien ihr recht zu sein. Sie setzten sich in ein Café. Doch sie wurden viel zu früh gezwungen sich zu verabschieden. Als er wegging, war ihm klar, dass er sie auf jeden Fall wieder sehen wollte, also rief er sie gegen Abend an, doch sie ging nicht ran. Er versuchte es immer wieder, bis sie ihm schließlich völlig genervt etwas entgegen schrie. Ihm war augenblicklich klar, dass sie wohl die Zeitung gelesen haben musste. Er wollte mit ihr darüber reden aber sie blockte ab, schließlich konnte er sie aber doch überreden sich mit ihm zu treffen. Er war sich jedoch nicht sicher, ob er sich darauf freuen sollte. Die anderen Jungs sollten auch mitkommen. Als er sie sah, ging es in ihm drunter und drüber, aber zu seiner großen Enttäuschung setzte sie sich an den am weitesten von ihm entfernten Platz. Mit einem Vorwand kamen näher und setzte ich neben sie. Die anderen gingen unter einem vorher abgesprochen Vorwand. Dann saßen sie alleine da, aber bevor er etwas zu ihr sagen konnte, stand sie auf um zu gehen. Die Abfuhr war eiskalt, doch in ihren Augen konnte er Schmerz sehen. Sie drehte sich um und ging, ohne sich noch einmal um zu sehen. Das war eindeutig. Er schrieb ihr am nächsten Morgen eine SMS um seine Gefühle zu erklären und sah das Thema damit als abgehackt an, da sie keine Antwort gab. Bis zu dem Anruf ihrer Freundin, der ihn überglücklich machte. Er würde Himmel und Hölle uns Bewegung setzen, um sie wieder sehen zu können.