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Am nächsten Morgen fühlte ich mich unausgeschlafen und träge, obwohl ich doch am Tag zuvor so viel geschlafen hatte. Trotzdem entschloss ich mich mit den anderen aufzustehen, um das kleine Touri - Programm rund um den Alexanderplatz abzuklappern. Ich wusste nicht, ob ich mich auf das nachmittägliche Treffen mit Bill freuen sollte, mir hingen immer noch die Bilder des vergangenen Abends nach.
Ich konnte mich nicht auf die, eigentlich bestimmt interessanten Ausstellungsstücke konzentrieren, denn mit jeder Minute wurde ich aufgeregter: Wie würde Bill reagieren mich wieder zu sehen? Wie sollte ich mich verhalten? Was sollte ich sagen?
Eins jedoch entging mir nicht auf dem Weg von einem Museum zur anderen Sehenswürdigkeit. Ich meinte immer wieder neugierige Blicke in meinem Rücken zu spüren, besonders von Schulklassen mit jüngeren Mädchen, doch ich redete mir ein, dass das humbuk sei, warum sollten sie das denn tun?
Gegen Mittag hatten wir eine Stunde frei bekommen, damit wir Essen gehen konnten, wo wir wollten. Ich hatte eigentlich keinen Hunger, zwängte aber trotzdem was runter. Dann stahl ich mich zu dem Treffen mit Bill davon. Da ich noch etwas Zeit hatte, ging ich noch in einen Klamottenladen in der nähe um ein T-Shirt für eine Freundin zu kaufen, die zu Hause war. Ich wollte Bill und die andern bitten, darauf zu unterschreiben.
Endlich war es Zeit. Ich stellte mich in die Mitte des Alex und wartete. Plötzlich hörte ich hinter mir lautes kreischen. Das mussten sie sein, also drehte ich mich um und bewegte mich langsam auf die Gruppe hauptsächlich junger Mädchen zu. Doch schon nach zwei Schritten wurde ich durch eine sanfte Umarmung von hinten aufgehalten und umgedreht. Ich schaute kurz darauf in Bills süße Augen. Er zog mich zu einem der Straßencafés, seine Basecap tief ins Gesicht gezogen. Die anderen hatten also nur als Ablenkungsmanöver gedient. Geschickt.
Grinsend begrüßte Bill mich mit einem Kuss auf die Wange. Dann zog er mein Handy aus seiner Tasche und speicherte vor meinen Augen seine Nummer ein. Überglücklich umarmte ich ihn. Ich wollte ihn dann gerade noch etwas fragen, als der Lärmpegel vor dem Café extrem anschwoll. Bill war erkannt worden und schon bahnten sich die ersten Fans ihren Weg durch die Tische zu uns durch um ein Autogramm zu erhaschen. Wir rannten schnell zur Hintertüre nach draußen. Dort erklärte ich ihm das mit dem T-Shirt und dann trennten sich unsere Wege -leider- auch schon wieder.

Auf dem Rückweg zu meiner Gruppe meinte ich wieder diese komischen Blicke zu spüren. Als ich an einem Eisstand einen Stopp machte um mir eines zu kaufen, kam ein etwa 13-jähriges Mädchen auf mich zu, starrte mich an und rannte dann zu ihren Freundinnen zurück, die gerade zusammen in einer Zeitung lasen. Das Mädchen sagte schnell etwas zu ihnen woraufhin sich die ganze Traube auf mich zu in Bewegung setzte. Die Mädchen blieben vor mir stehen, sahen mich forschend an und nickten sich schließlich zu. Schließlich trat eine vor und fragte mich, ob ich das sei? Ich war total verwirrt und fragte "Was soll ich sein?" Die Mädchen zuckten abfällig mit den Schultern, sagten, sie hätten sich wohl geirrt und zogen wieder davon.
Nach dieser irritierenden Begegnung zog ich mein Handy hervor um meinen Eltern zu sagen, dass ich es wieder hätte, was ich ja versprochen hatte. Als ich mich aber meldete, bekam ich nur ein eisiges "Hallo" zur Antwort. Das war komisch, ich fragte nach dem Grund für diese distanzierte Begrüßung. Die Antwort ließ auch gar nicht lange auf sich warten. "Wie kannst du uns das nur antun? Du weißt genau, das wir nichts DAVON und von DENEN halten! Das ist eine Schande! Und du hast es am Telefon noch nicht mal für nötig gehalten, es uns zu sagen? Ich frage dich, warum?" Ich hatte keine Ahnung von was mein Vater da meinte und hakte nach. Er meinte, wenn ich es nicht weiß, dann könne er mir auch nicht helfen, aber ich solle doch mal einen Blick in die Klatschpresse riskieren. Und damit legte er auf.
Ich ahnte schlimmes und als ich am nächsten Zeitungsverkäufer vorbeikam bestätigte sich mein Verdacht. Die Schlagzeile der Bildzeitung lautete: WER IST DIE UNBEKANNTE BEI DEN TOKIO-TWINS? Und die Unterüberschrift: Erst Tom, dann Bill! Aber wer ist das Girl, das heiße Tänze mit den begehrten Zwillingen auf Parkett legt? Darunter waren einige Bilder, in der perfekten Reihenfolge des jenen wunderschönen abends in dem Club mit Tokio Hotel. Kein Wunder also, dass mein Vater böse mit mir war, schließlich konnte er nicht verstehen, was ich an dieser Band fand. Da war ich mit Tom auf der Tanzfläche, wie er seine Arme um mich legte, die fröhliche Tischrunde, wie wir uns gerade vor lachen ausschütteten, wie ich Bill und Tom auf die Tanzfläche zog, dann nur noch mit Bill und Tom wo anders, der wirklich tiefe Augenkontakt mit Bill, und schließlich wie wir zusammen den Klub verließen und zusammen in die Unterkunft der Band gingen. Hinter diesem letzten Bild stand noch ein Satz: ‘Dieses Foto entstand gegen Mitternacht. Unser Reporter verharrte noch vier weitere Stunden vor diesem Gebäude, doch das Mädchen hat zu dieser Zeit das Haus noch nicht verlassen. Was ist los im Tokio Hotel?’
Ich bin tot, dachte ich, ich bin so was von tot. Das war ja der reinste Horror, obwohl gerade wohl unwahrscheinlich viele Mädchen eifersüchtig auf mich waren…aber so wie die Mädchen mich eben angestarrt hatten…naja da konnte ich doch drauf verzichten.
Der Verkäufer wurde langsam ungeduldig, weil ich immer noch da stand und auf die Zeitung starrte. Ich kramte schnell das nötige Kleingeld aus meiner Tasche und bezahlte die Zeitung. Ich rannte fort nur einen Gedanken in meinem Kopf, ich musste meine Eltern anrufen und ihnen die Situation erklären.
Als ich mich auf den Weg zurück zu meiner Klasse machte, fasste ich den Beschluss, mich, wenn ich an diesem Abend heimkommen würde, nie wieder in der Öffentlichkeit zu zeigen. Doch das war leichter gedacht als getan.

Bill lies nicht locker. Die ganze Nacht versuchte er immer und immer wieder mich zu erreichen. Ich hatte mir zwar vorgenommen, mich davon nicht erweichen zu lassen, aber irgendwann ging mir das ständige Gebimmel auf die Nerven. Anstatt also mein Handy auszuschalten, hob ich ab und schrie: "Bitte hör auf mich anzurufen. Kannst du nicht verstehen, dass ich das so schnell wie möglich vergessen will? Ich…" Aber er unterbrach mich. "Lass es mich doch wenigsten erklären…" "Was soll es denn da zu erklären geben?" fragte ich unwirsch. "Ich meine, lass und drüber reden", sagte er unsicher. Ich konnte dieser Stimme einfach nicht widerstehen. Es musste ja so weit kommen, das war so klar gewesen. Ich lies zu, dass Bill mit mir einen Treffpunkt ausmachte, an dem wir uns am nächsten Tag treffen würden. Es sollte das kleine Café sein, aus dem wir uns mittags so schlagartig verabschieden hatten müssen.
Am nächsten Morgen sagte ich dann meinem Lehrer, dass ich mich nicht gut fühle und so musste ich wohl auch ausgesehen haben, denn er lies ohne Widerspruch zu, dass ich blieb. Als sie fort waren, sprang ich erstmal unter die Dusche. Wenn, dann sollte Bill mich nicht total fertig sehen und in Erinnerung behalten.
Eine Stunde später machte ich mich auf den Weg zu dem Café. Zu meiner Überraschung - und Erleichterung - war Bill nicht alleine gekommen, sondern hatte den Rest der Band mitgebracht. Und gleich darauf fiel mir auch auf, wieso sie mitgekommen waren. Das T-Shirt für meine Freundin hatte ich ganz vergessen. Es lag vor ihnen ausgebreitet auf dem Tisch. Ich setzte mich in möglichst weiter Entfernung zu Bill. Dann herrschte peinliche Stille am Tisch. Ich spielte nevös an einem Zipfel des T-Shirts. Um überhaupt etwas gesagt zu haben, fragte Gustav schließlich, wie denn meine Freundin heiße für die das T-Shirt sei. Ich nannte ihnen den Namen und sie schrieben jeder noch eine persönliche Widmung darauf. Bill stand extra auf und ging um den Tisch herum, damit er richtig schreiben konnte und setzte sich dann, zu meiner inneren Verzweiflung, direkt neben mich.
Wieder betretenes Schweigen. Schließlich war es wieder Gustav, der den ersten Schritt tat. Er stand auf mit der Begründung noch einen Part mit seinem Schlagzeug verinnerlichen zu müssen und auch Tom und Georg fiel plötzlich ein, dass sie noch was proben müssten. Also verließen sie zu dritt das Café und ich konnte sehen, wie Bill ihnen einen dankbaren Blick zuwarf.
Aber alleine mit Bill an einem Tisch wollte ich nicht bleiben. Also stand ich auf und stopfte das T-Shirt in meine Tasche. Bevor ich mich aber wegdrehte um zu gehen, sagte ich noch zu Bill: "Danke für die Autogramme und die... ja schöne Zeit. Ich muss jetzt leider wieder los zu meiner Klasse. Vielleicht wär es besser, wenn du meine Nummer aus deinem Handy löschst! Leb wohl!" Und so verließ ich, ohne mich noch einmal umzublicken, das Café. Aber es tat weh. Fast noch mehr, als Bills traurige Blicke in meinem Rücken. Doch es musste so sein.
Am nächsten Tag bekam ich eine SMS von Bill, in der stand, dass er traurig sei, dass ich am vorigen Tag einfach gegangen sei. Er schrieb weiter, dass er meinen Wunsch, meine Nummer zu löschen, nicht erfüllen werde, doch er mich nicht mehr anrufen würde und warten, bis ich mich meldete. Er wollte mir mitteilen, dass die Band Berlin an diesem Tag verlasse. Doch beim letzten Satz musste ich mich setzen: ‘Ich mag dich wirklich! Schade, dass du es nicht zugelassen hast, dass wir und besser kennen lernen.’ Das war wirklich das schönste, aber gleichzeitig schlimmste, das jemals jemand zu mir gesagt hatte.

Die letzten Tage des Aufenthalts in Berlin, auf den ich mich doch eigentlich so gefreut hatte, waren einfach nur schrecklich. Ich konnte weder essen, noch schlafen, oder sonst etwas tun. Nur meine Gedanken waren die ganze Zeit bei Bill. Dem schönen Abend unseres ersten Treffens, das Aufwachen morgens in seinem Bett und wie er mich angelächelt hatte. Wie er mich auf dem Alexanderplatz umarmt hatte und in dem Café seine Handynummer einspeicherte. Und schließlich dem letzten Treffen in dem Café als ich ihn so schamlos sitzen gelassen hatte. Aber am meisten musste ich an diese SMS denken … ich mag dich wirklich, hatte er geschrieben. Ich las sie die ganze Zeit, obwohl ich sie in zwischen Zeit schon auswendig konnte. Aber immer bei ‘ich mag dich wirklich!’ kamen mir die Tränen in die Augen. Was hatte ich nur getan? Diesem Jungen so einfach den Laufpass zu geben. Aber Tief im inneren wusste ich, dass ich das richtige getan hatte.